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Frosch, Wasser & Co
www.laubfrosch-hannover.com

Header-Bild Laubfrosch © U. Manzke

Gefährdungsursachen von Laubfroschvorkommen:
Verlust der Biologischen Vielfalt und der Genetischen Diversität

Von Uwe Manzke

Neben den bereits genannten, unmittelbaren und leicht nachzuvollziehenden Gefährdungen, müssen noch weitere Aspekte berücksichtigt werden. So sind im Sinne der "Biodiversitätskonvention" zum einen die Arten, zum anderen aber auch die vielen unterschiedlichen Genpoole der einzelnen Populationen einer Art (und damit einzigartig pro Population/Stamm) zu erhalten und zu schützen.

Was bedeutet dies?

Im Falle der Art und Artenvielfalt bedarf es eigentlich keiner Erläuterung - oder?

Aber was bedeutet dies im Falle der "Genetischen Vielfalt" auf Populationsebene?

Genetische Vielfalt wird oft anthropozentrisch so verstanden, dass es möglichst gut ist, einen sehr reichhaltigen Genpool pro Individuum zu besitzen. Dies kann vor Krankheiten und vielen anderen negativen Faktoren schützen. Das stimmt auch weitestgehend, aber was ist vielfältig, respektive ausreichend, wer bestimmt das (darf das bestimmen)?
Ab welcher Größenordnung ist der Genpool "zu klein", wer kennt die "belastbaren" Größenordnungen?
Antwort: "Man weiß es nicht".

So meinen leider viele (engagierte) ehrenamtlich im Natur- und Artenschutz tätige Laien, bis hin zu UniversitätsmitarbeiterInnen, dass solch eine genetische Vielfalt auch für die verbliebenen Laubfroschpopulationen hilfreich und das Ziel aller Maßnahnmen sei. Entsprechend werden voreilig "mal eben" Mischpopulationen geschaffen, weil das "gut sei". Diese künstlichen, menschgeschaffenen Hybridpopulationen sollen dann den Laubfrosch im Lande erhalten.
Neudeutsch und mit einem Wort: "Nonsense"!

In jedem Fall besteht bei der Nutzung solcher "Kunst-Populationen" (ohne natürliche Entsprechung) die Gefahr der genetischen Entfremdung, Vermischung oder Verdrängung bodenständiger Populationen.

Dies wird dann von einigen (vielen?) Behördenmitarbeitern voreilig (Zeitmangel, Wissensdefizite, schlechte Beratung?) und unreflektiert "abgenickt": "Ja, natürlich brauchen wir genetisch vielfältige und damit lebensfähige Laubfrösche - das ist doch klar! Her damit!"
Zur Verteidigung der Behördenmitarbeiter ist zu sagen, dass diese "nicht alles wissen können", und dass sie sich zumeist auf sogenannte "Gutachten" (vom Steuerzahler finanziert) verlassen müssen. Diese schnellgestrickten "Gutachten" beleuchten dann aber nicht die durchaus vielfältigen Aspekte von Tieransiedlungen, sondern kommen natürlich zu dem Schluss, dass Ansiedlungen gut seien, und dass der Genpool doch bitte groß sein soll. Also werden Populationen voreilig vermischt.
Die Rechnung bezahlen dann (wie immer) die Tiere.

Im Sinne der "Biodiversitätskonvention" geht es vor allem auch und insbesondere aber um den Erhalt der vielen, vielen lokalen, und damit +/- unterschiedlichen Genpoole:

Biodiversität oder biologische Vielfalt bezeichnet gemäß der UN-Biodiversitätskonvention (Convention on Biological Diversity, CBD) "die Variabilität unter lebenden Organismen jeglicher Herkunft, darunter unter anderem Land-, Meeres- und sonstige aquatische Ökosysteme und die ökologischen Komplexe, zu denen sie gehören". Damit umfasst sie die Vielfalt innerhalb sowie zwischen Arten, darüber hinaus die Vielfalt der Ökosysteme selbst. Nach dieser Definition besteht die Biodiversität auch aus der genetischen Vielfalt.

Mit anderen Worten:
Biologische Vielfalt oder Biodiversität umfasst dabei

  • die Artenvielfalt
  • die genetische Vielfalt und Eigenständigkeit innerhalb der Arten und deren Meta-Populationen
  • die Vielfalt der Lebensgemeinschaften (Ökosysteme).
  • vgl. ANL
    www.wikipedia.de

    Um es kurz zu machen:
    In der Region Hannover sind die verbliebenen Laubfroschpopulationen hinsichtlich ihrer genetischen Ausstattung untersucht worden (mehrfach und je nach angewandter Statistik mit unterschiedlichen Ergebnissen). Es lassen sich verschiedene genetisch unterschiedliche und damit einmalige (einzigartige) Metapopulationen unterscheiden. Auch können verschiedene "großräumigere Verwandschaftsverhältnisse" der Populationen zueinander unterschieden werden (je nach Statistik). Dies sind die unter Vorkommen des Laubfrosches in der Region Hannover vorgestellten Populationen. Diese gilt es daher im Sinne von "Management Units" (MUs) zu betrachten und zu fördern. Dazu gehören neben der Sicherung der Populationen vor Ort, auch und unbedingt das Verhindern von genetischen Vermischungen mit Fremdmaterial !!
    Solch ein Unsinn (künstliche genetische Vermischung) würde diese alten - genetisch einzigartigen/eigenständigen - Populationen nachhaltig vernichten. Dann sind diese Laubfrösche weg, für immer obwohl vielleicht noch gebietsfremde Hybrid-Frösche "vor Ort" quaken.

    Negativbeispiele für solch ein abträgliches und kurzsichtiges Handeln (Vermischung lokaler Genpoole mit standortfremdem Material) gibt es zur Genüge [vgl. zum Beispiel die durch Koevolution aufeinander angepaßten Flussperlmuscheln und gewässertypischen Salmonidenbestände: koevolvierte Forellen/Lachse bieten für die Larven/Glochidien der Flussperlmuscheln Margaritifera margaritifera einen geeigneten Zwischenwirt, standortfremde Forellen und Lachse (mit anderer Evolutionsgeschichte und fremden Genpoolen) stoßen die Glochidien ab - in der Folge kann sich die Flussperlmuschel nicht mehr vermehren und stirbt im schlimmsten Falle aus, ... // oder das Einführen osteuropäischer und asiatischer Bitterlinge Rhodeus sericeus, die genetisch nur geringfügig von den einheimischen abweichen, allerdings ganz andere Biorhythmen besitzen, ...].

    Wer weiß schon, ob und wenn ja, welche "funktionalgenetischen Aspekte" (die mit den üblichen Methoden der "Naturschutzgenetik" nicht untersucht werden) durch die Etablierung eines "Einheitsbreis", gemeint sind künstlich geschaffene Hybridpopulationen, durch Gendrift verloren gehen?
    Wer trägt die Verantwortung für diese Gefahr und die Folgen der genetischen Entfremdung, Vermischung und Verdrängung bodenständiger Populationen?
    Also, Hände weg von solch unseriösen "Spielchen" und gefährlichen "Freilandexperimenten". Dies widerspricht dem Gedanken der Biodiversitätskonvention.
    Auch wird immer wieder zu Recht darauf hingewiesen, dass die Arten und unterschiedlichen Stämme möglicherweise, je nach Herkunft und Standort unterschiedliche Potenziale für die Entwicklung von Arzneimitteln haben können. Dies mag etwas "konstruiert" erscheinen, hat aber seine Berechtigung. So werden beispielsweise die verschiedenen Inhaltsstoffe des "Speichels" der medizinischen Blutegel, z. B. Hirudo medicinalis auf unterschiedliche Wirkstoffe, je nach Population und Standort untersucht. So viel sei verraten, es gibt diese Unterschiede. Würde man diese Populationen vermischen, würden diese "medizinisch wertvollen Unterschiede" sehr wahrscheinlich "verloren gehen". Wer kann derzeit ausschließen, ob bestimmte Laubfroschpopulationen/Stämme nicht eines Tages helfen können Krankheiten zu heilen?

    Natürlich wurden bei den genetischen Untersuchungen in der Region Hannover genetische Flaschenhälse errechnet (je nach angewandter Methode aber auch nicht!), aber bei welchen Populationen (bis hin zu uns Menschen) kann man dies nicht? Gerade im Falle der Pionierart Laubfrosch sind lokale Aussterbeereignisse (mit/ohne Flaschenhalseffekt) und immer wieder erfolgende Wiederbesiedlungen (Gründerpopulationen) typisch, sofern es die Habitatausstattung "hergibt". Im Laufe der Zeit folgt dann der "Tross" und mit ihm die gegebene genetische Ausstattung der Ursprungspopulation (funktionierender Biotopverbund vorausgesetzt).
    Daher und trotzdem sind die verbliebenen Laubfrosch-Populationen in der Region lebensfähig. Zudem kann derzeit keine belastbare "kritische untere Grenze" für das "Funktionieren des Genpools" von Laubfröschen definiert, geschweige denn bewiesen werden.

    Ziel der laubfroschorientierten Maßnahmen muss es daher sein - wie immer wieder auf diesen Seiten www.laubfrosch-hannover.com betont wird - die Wiederherstellung und räumliche Erweiterung eines funktionierenden Biotopverbundes innerhalb und zwischen den Populationen (im Sinne von MUs) herzustellen (d.h. erstens: kleinräumig, zweitens: großräumig). Dann können sich die Tiere von selber ausbreiten und sich auch an den neuen (alten?) Kontaktzonen "eigenständig" vermischen, wenn sie es denn wollen.

    Im Falle der verbliebenen "kleinen" Restpopulationen, gemessen an der Kopfstärke und der Anzahl der geeigneten Gewässer, ist es vielmehr notwendig rechtzeitig "Spiegelpopulationen" zum Erhalt des lokalen und typischen Genpools zu etablieren. Diese könnten dann auch bei einer Verschlechterung der Situation der Ursprungspopulation durch "Rück-Transfer" von Tieren helfen, diese wieder zu stärken ("restocking"). Auch Bestandsstärkungen durch die möglichst verlustfreie Aufzucht von Laich und Larven in Menschenobhut ("captive breeding") kann als geeignetes Mittel genutzt werden (vgl. Wiederansiedlung), aber, "Bitte kein Hinzusetzen standortfremder Tiere!"

    Anmerkung: die hier gemachten Ausführungen beziehen sich auf den Laubfrosch Hyla arborea als gute Art. Hypothetisch könnten bei diesem Taxon zukünftig verschiedene Arten unterschieden werden, wie es beispielsweise jüngst bei den süd- und osteuropäischen Laubfröschen, der Wechselkröte, der Ringelnatter und einigen Fischarten (Steinbeißer, Groppen) geschehen ist. Dieser Aspekt, die Etablierung und Freisetzung von Hybriden verschiedener Arten, soll an dieser Stelle allerdings nicht weiter beleuchtet werden.

    Ein wenig Anschauung:

    Was steht hier geschrieben?

    B o     r u d B oto v r u d B     ve bu d

    Und - was steht hier geschrieben?

    Biotopverbund Biotopverbund Biotopverbund

    Prädatoren

     

    Wo ist der Biotopverbund? Seinerzeit von mir gezeichnete Karikatur zum neuen Bundesnaturschutzgesetz Anfang des 21. Jahrhunderts.